Die Säckinger Industrie im Zweiten Weltkrieg

Die ersten Kriegsjahre
In der ersten Kriegsphase, von 1939 bis 1941, wurde das Säckinger Wirtschaftsleben von den militärischen Ereignissen kaum beeinflusst. Zu jener Zeit dominierte das Gefühl der Sicherheit, was ja als berechtigt erscheint. In dem idyllischen 6500-Einwohner-Städtchen standen weder Kasernen noch Rüstungsbetriebe, die Kriegsschauplätze lagen weit entfernt, die geografische Lage galt als äußerst günstig. Das nationalsozialistische Regime wagte es nicht, die Neutralität der Eidgenossenschaft anzutasten. Im Gegenteil, das Dritte Reich bemühte sich darum, die wirtschaftlichen Beziehungen zum Nachbarstaat im Süden aufrechtzuerhalten. Zu stark war die deutsche Industrie von den Lieferungen aus der Schweiz abhängig. Fast ausschließlich in der Schweiz konnte Deutschland Gold und Devisen beschaffen beziehungsweise umtauschen, und durch Gotthard und Simplon führten die unentbehrlichen Transitwege nach Italien. Solche Verhältnisse mussten die Eidgenossen akzeptieren: Nach der Besetzung Frankreichs und dem Kriegsbeitritt Italiens im Jahre 1940 konnte die Schweiz nicht mehr auf einen Beistand anderer Staaten hoffen. Je länger der Krieg andauerte, desto deutlicher wurde der Mangel an Arbeitskräften spürbar. Da immer mehr Männer zum Kriegsdienst einberufen wurden, erreichte die Zahl der berufstätigen Frauen einen ungewöhnlich hohen Stand. Außerdem nutzten die Industriegemeinden am Hochrhein die Möglichkeit, Grenzgänger aus der Schweiz beschäftigen zu können. In fast allen Säckinger Unternehmen sind Arbeiter und Angestellte aus dem benachbarten Fricktal, vor allem aus Stein, Sisseln und Obermumpf, tätig gewesen. Die meisten von ihnen arbeiteten in den Firmen Seidenwarenfabrik GmbH, Seiba und Otto-Lenz-Sutter. Sie kamen täglich über die historische Rheinbrücke und nahmen ihr Mittagessen in den Werksküchen oder in den Gaststätten Schützen, Trompeter, Krone, Rössle, Walfisch oder Scheffelhof ein. Als Ausgleich erhielten diese Küchen und Lokale Lebensmittelkarten zugeteilt. Das Ernährungsamt gewährte für jeden Grenzgänger 1200 Gramm Fleisch, 1000 Gramm Brot und 200 Gramm Fett pro Woche. Dass sogar noch im Jahre 1941 Säckingen als sicherer Ort galt, beweist die Einstellung zum Fremdenverkehr. Zu jener Zeit glaubte man daran, den Tourismus aufrechterhalten zu können. Deshalb bemühte sich das Säckinger Verkehrsamt darum, eine Ansichtskarte mit Werbetext fertigen zu lassen. Im September 1941 hatte der Reichsminister der Luftfahrt die erforderliche Genehmigung erteilt. Diese "amtliche Bildpostkarte", die Gesamtansicht der Altstadt darstellend, wurde 1942 von der deutschen Reichspost-Reklame in einer Auflage von 100.000 Exemplaren herausgegeben. Ursprünglich sollte der Werbetext auf die Säckinger Thermalquellen hinweisen. Doch schließlich verzichtete man darauf mit der Begründung: Die Thermalquellen werden nicht so angewandt, wie es notwendig ist. Der Ausbau war durch den Krieg unterbrochen worden.

Die totale Mobilisierung der Wirtschaft
Die Periode des Blitzkrieges und der friedensähnlichen Kriegswirtschaft ging nach dem Steckenbleiben der deutschen Offensive vor Moskau (November 1941) zu Ende. Dies bedeutete die totale Mobilisierung aller Kräfte und Reserven für die Kriegsziele sowie die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage der Bevölkerung. Der Einfluss der Großindustrie wurde verstärkt, die Planung in der Wirtschaft nahm zu. Der Anteil der Rüstungserzeugung stieg von 16% in den Jahren 1940/41 auf 40%. Die reguläre Wochenarbeitszeit wurde von 48 auf 60 Stunden erhöht. Die noch während des Krieges erscheinende Lokalzeitung "Säckinger Tagblatt" und "Laufenburger Beobachter" beschränkte ihre Wirtschaftsnachrichten fast ausschließlich auf die Bereiche Lebensmittelversorgung, Ernährungsratschläge, Einsparung von Rohstoffen und Energie. Den Lokalereignissen wurde höchstens eine halbe Spalte gewidmet. Pausenlos ermahnte die Zeitung ihre Leser zur Energie-Einsparung. Am 7. September 1942 wurde ein Aufruf des Reichsmarschalls Göring, der als Beauftragter für den Vierjahresplan fungierte, gedruckt: Deutsche Hausfrauen! Jede von Euch kann durch freiwillige Einschränkung im Strom- und Gasverbrauch einen Beitrag für die Rüstung und damit für unseren Sieg leisten. Denkt daran, dass Strom und Gas fast ausschließlich aus Kohle gewonnen werden. Zwei Tage später machte das Blatt bekannt: Morgen, Sonntag, wird der Strom von 9-10 Uhr in folgenden Straßen gesperrt: Stadtteil Hof, Hauensteinstraße, Albert-Leo-Schlageter-Straße (so hieß im 3. Reich die Giessenstraße), Schützenstraße und Scheffelstraße.

Kriegsbedingte Industrieansiedlungen in Säckingen
Ausgelöst wurden diese Industrieansiedlungen durch die im März 1942 eingeleitete Großoffensive der englischen Flugzeuge gegen die Industriezentren im Westen Deutschlands. Vom Sommer 1942 an waren auch amerikanische Maschinen beteiligt. Ihre Angriffe richteten sich hauptsächlich gegen das Ruhrgebiet sowie die Städte Hamburg und Berlin; Unter diesen Umständen sahen sich die Unternehmer in den Ballungszentren dazu gezwungen, ihre Produktionsstätten in weniger gefährdete Regionen zu verlegen. Derartigen Vorhaben standen die Säckinger Behörden positiv gegenüber. Man hoffte, dank den Neuansiedlungen könnten um die tausend Arbeitsplätze geschaffen werden. Umsiedeln durften nur Firmen, die die Genehmigung der Rüstungsinspektion Oberrhein in Straßburg und des Rüstungskommandos in Freiburg erhalten hatten. Zwar hatten alle diese vier Betriebe die Wehrmacht beliefert, als ausgesprochene Zulieferer der Rüstungsindustrie galten damals jedoch nur die H. Danger und die Elementa. Da zu jener Zeit die Errichtung neuer Produktionshallen nur selten möglich war, beabsichtigten die nach Säckingen umziehenden Firmen, bereits vorhandene Anlagen zu nutzen. Teilweise ließ sich dies verwirklichen. Offene Interessenkonflikte brachen dann aus, wenn das zugezogene Unternehmen Räume eines prosperierenden Betriebs, wie etwa der Berberich AG, beanspruchte. Schließlich zog hier die H. Danger ein, aber erst nach massivem Druck auf die zuständigen Stellen. Am 2. Januar 1943 schrieb die Firma Danger dem Säckinger Bürgermeister Kuner: Wir legen Wert darauf, dass die Verlagerung bald durchgeführt wird und Verzögerungen möglichst vermieden werden. Zum Verhalten der Berberich AG bemerkte die Danger-Leitung: Die Herren scheinen die heutige Zeit noch nicht begriffen zu haben und vergessen vor allen Dingen, dass wir Aufgaben von kriegsentscheidender Bedeutung durchzuführen haben. Ende 1942 bekundete die Firma Chemische Werke Albert, Wiesbaden, das Interesse, ihre pharmazeutische Abteilung nach Säckingen zu verlegen, weil im August des gleichen Jahres ein Fliegerangriff auf das Stammwerk durchgeführt worden war. Zu den Befürwortern dieser Umsiedlung zählte auch Bürgermeister Kuner. Am 28. Dezember 1942 schrieb er dem Kreisleiter der NSDAP, Bender: "Die landwirtschaftliche und städtische Eigenart von Säckingen wird durch die Fabrikation nicht gefährdet." Zugleich bat er den Kreisleiter um eine Intervention beim Arbeitsamt Lörrach, um Arbeitskräfte zugeteilt zu erhalten. Vorausgegangen war diesem Brief eine Besprechung zwischen der Firmenleitung und Kuner. Das Unternehmen beabsichtigte, die Fabrikationsfläche der praktisch stillgelegten Seidenwarenfabrik GmbH in der Schulhausstraße (heute LIDL) zu belegen, und versprach, 2000 Arbeiterinnen zu beschäftigen. Ein solches Versprechen ist als völlig unrealistisch zu betrachten. Säckingen zählte damals lediglich 6500 Einwohner, und auch in der Region nahm die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte deutlich ab. Vermutlich sollte das Argument zweitausend Arbeitsplätze die Verhandlungen beschleunigen. Kurz danach wurde dem Antrag der Albert-Werke zugestimmt, um am 3. März teilte die Geschäftsleitung mit, die Produktion könne in zwei Stufen, am 15. April und am 15. Mai, anlaufen. Bescheiden nahm sich die Belegschaft im Verhältnis zu den im Vorfeld gemachten Versprechungen aus: 40 Arbeiterinnen, vier Halbtagskräfte für die Reinigung, zwei Facharbeiter. Ebenfalls im Jahre 1943 bemühte sich die Vita Zahnfabrik H. Rauter OHG, Essen, darum, in Säckingen Fuß zu fassen. Nach eigenen Angaben stellte die Vita damals ein Viertel der in Deutschland produzierten künstlichen Zähne her, wobei die Hälfte davon für die Wehrmacht bestimmt war. Das Essener Unternehmen wünschte sich in Säckingen eine Produktionsfläche von etwa 2500 Quadratmetern und wollte 200 Personen beschäftigen, 80% davon Frauen. In der Bewerbung um den Standort Säckingen vom März 1943 erklärte sich die Firmenleitung bereit, die Fabrikation auch in Friedenszeiten aufrechterhalten zu wollen. Letzen Endes konnte die Vita drei Anlagen in Anspruch nehmen: das Gebäude in der Spitalgasse, die Einrichtung in der Gießenstraße (als Keramikabteilung) sowie die Produktionsabteilung am Ballyweg. Auch die Vita war darauf angewiesen, auswärtige Arbeiterinnen zu beschäftigen. Sie wohnten zum Teil im Vereinshaus beziehungsweise in angemieteten Zimmern. Andere dagegen mussten täglich von Murg, Brennet und Öflingen nach Säckingen pendeln. Als letzte kriegsbedingte Industrieansiedlung in Säckingen ist der Zuzug der Berliner Firma Elementa Batteriebau GmbH zu betrachten. Für das Vorhaben der Elementa setzten sich die höchsten Stellen ein, wie der Brief des Reichsministeriums für Rüstung und Kriegsproduktion an den Gau- und Wohnungskommissar in Straßburg (Reichsstatthalterei) vom 9. Februar 1944 beweist: "Bei der Firma Elementa in Säckingen sind eine Reihe von Entwicklungs- und Fertigungsaufgaben durchzuführen. Da diese Aufgaben, die vom Reichsluftfahrtministerium gestellt sind, von besonderer Bedeutung für die Kriegführung sind, lege ich entscheidendes Gewicht darauf, dass die Firma Elementa auch von Ihrer Dienststelle in jeder erdenklichen Form unterstützt wird."

Mit Wohnungsproblemen waren alle Firmen konfrontiert, besonders jedoch die Elementa. Aber trotz der schwierigen Lage auf dem Wohnungsmarkt erhielt sie die Genehmigung, 50 italienische Arbeiter anzuwerben. Anfangs bemühten sich die Arbeitgeber darum, noch freistehende Wohnungen und Zimmer anzumieten. Ins Vereinshaus zogen die Mitarbeiterinnen der Vita, in den freistehenden Räumen des Kinderheims St. Fridolin die Lonzona-Arbeiterinnen ein. Ende 1943 stellte man in Säckingen fest, dass noch mindestens 105 Wohnungen gebaut oder hergerichtet werden müssten. Wie fieberhaft die Wohnungssuche vorangetrieben wurde, veranschaulicht ein Schreiben der Rüstungsinspektion Oberrhein vom 15. September 1944. Dort hatte man den Namen Trompeterschloss erfahren und meinte, dies wäre ein Gasthaus, in dem Wohnungen für Elementa-Mitarbeiter eingerichtet werden könnten.

Die letzten Kriegsmonate
Säckingen war während der Kriegszeit nur ein einziges Mal ernstlich gefährdet, nämlich als am 4. Januar 1945 französische Flugzeuge die Bahnlinie angegriffen hatten. Zwar wurden die Bahnanlage sowie mehrere Gebäude der Umgebung beschädigt, Tote oder Schwerverletzte hingegen gab es nicht, und die benachbarten Betriebe Vita und Seiba blieben verschont. Drastisch verschlechtert hatten sich die Verhältnisse am Hochrhein bereits 1943, was ja die wirtschaftlichen Beziehungen zur Schweiz negativ beeinflussen musste. Die Zahl der in Säckingen beschäftigten Grenzgänger ging deutlich zurück. 1944 ließ man den Brückeneingang auf der Säckinger Seite mit Holzlatten versperren und lediglich mit einer Tür versehen, Nur selten erlaubten die Grenzposten den Durchgang. Die formelle und endgültige Schließung der Schweizer Grenze erfolgte direkt vor dem Einmarsch französischer Truppen in Säckingen am 25. April 1945. An diesem Tag meldete das Morgenblatt der in Basel erscheinenden "Nationalzeitung": "Der Bundesrat hat in einer seiner früheren Sitzungen grundsätzlich beschlossen, dass zur Verhinderung der Überflutung unseres Landes mit Flüchtlingen die Grenze im Norden, Osten und Süden sobald, soweit und solange die Verhältnisse es gebieten, vollständig zu schließen sei. Deshalb ist am 19. April 1945 die vollständige Schließung der Nord- und Ostgrenze im Abschnitt Kleinhüningen (Basel) bis Altenrhein (St. Gallen) verfügt worden. Die Schließung der Grenze hat am 21. April eingesetzt. Für Flüchtlinge in Not soll die Grenze aus humanitären Gründen offen bleiben, soweit die Aufnahmefähigkeit der Schweiz reicht."

Von den vier 1943 nach Säckingen umgezogenen Betrieben besteht heute nur noch die Vita Zahnfabrik. Die Albert-Werke haben 1949 die Säckinger Niederlassung wegen Konzentration des Fabrikprogrammes aufgegeben. Die Maschinenfabrik H. Danger überlebte die ersten fünf Nachkriegsjahre: Sie baute damals das Kleinauto "Libelle 400", von dem nur wenige Exemplare verkauft werden konnten. 1949 erlosch der Firmenname Elementa Batteriebau GmbH. Der Betrieb wurde weitgehend umorganisiert und blieb bis 1953 unter der Bezeichnung Mikrowatt GmbH, Werkstätten für Elektrotechnik, bestehen.